Die Sache mit den Bloggern und dem Journalismus. Oder: Bin ich eigentlich Journalist?

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Image Credit: Sue Clark (Flickr/CC BY 2.0)

Die Frage, ob Blogger Journalisten sind, beschäftigt die Medienwelt nicht erst seit heute. Dabei ist die Antwort eigentlich ganz einfach: Leisten Blogger journalistische Arbeit? Natürlich. Werden sie wie Journalisten behandelt? In der Regel nicht. Woher kommt diese Diskrepanz? Der Versuch einer Analyse.

Online-Journalismus in der Beta-Phase

Als 2005 erstmals ein Blogger Zugang zu einer Pressekonferenz des Weißen Hauses erhielt, war das damals eine kleine Revolution. Das Phänomen “Weblog” war noch relativ neu, zumindest für – tja, sagen wir, wie es ist – Schlipsträger. Bloggen stellte im Vergleich zu den bis dato bekannten Publikationsformen eine ungewohnte Guerilla-Taktik dar und ist auch heute noch von einer seltsamen Aura des impliziten Anarchismus umgeben. Da erdreisten sich doch tatsächlich Menschen, über Dinge zu schreiben, ohne dass ihnen jemand einen Auftrag dazu gegeben hätte. Sakrileg!

The Times They Are a-Changin’?

Und heute? Nun, einiges hat sich geändert. Zumindest die Marketingabteilungen der Unternehmen haben längst entdeckt, dass dieses mysteriöse und begehrte Ding namens “Buzz“, über das alle reden, vor allem dann entsteht, wenn die sogenannte Blogosphäre über etwas redet. Dank Facebook, Twitter und Co haben Blogs heute Reichweiten, von denen so manch sterbende Tageszeitung nur träumen kann. Daher ist es zum Beispiel für Filmblogger wie mich heutzutage meistens kein Problem mehr, Einladungen zu Pressevorführungen zu bekommen. Doch wie steht es mit Behörden, Regierungen, Verbänden und all denen, die von Natur aus eher restriktiv mit ihrer Außenkommunikation umgehen? Moeeep, Fehlanzeige. Zumindest bis vor kurzem.

Der Fall Beckedahl

Als Markus Beckedahl, dem Gründer von netzpolitik.org, Anfang dieses Jahres eine Jahresakkreditierung beim Deutschen Bundestag mit der Begründung verwehrt wurde, “Herr Beckedahl wäre Blogger und kein Journalist“, war der Aufschrei in der Netzgemeinde groß. Zu Recht. Denn ausgerechnet bei netzpolitik.org dürfte wohl eigentlich niemand mit klarem Verstand am journalistischen Status zweifeln. So kam es, wie es kommen sollte: Beckedahl übte ein wenig medialen Druck aus – und die Jahresakkreditierung kam. Ein sehr wichtiger Schritt in der Frage, welchen rechtlichen Status Blogger in Deutschland denn nun eigentlich haben, und ich danke Markus aus tiefstem Herzen dafür.

Kein Presseausweis, kein Journalist

Allein, das ist nicht das Ende der Geschichte. Um zu verdeutlichen, worauf ich hinaus möchte, werde ich beim Beispiel netzpolitik.org bleiben: Als Anna Biselli, damals eine Praktikantin bei besagtem Blog, zu einem Gespräch mit der Bundestagsfraktion der CDU/CSU gehen wollte (zu dem die Fraktion eingeladen hatte!), wurde sie von der Pressestelle des Deutschen Bundestages abgewiesen, weil sie keinen Presseausweis besaß. Kein Presseausweis, kein Journalist, kein Journalist, keine Akkreditierung. Der Bundestag hat zwar mittlerweile sein verstaubtes Schubladendenken nach dem Schema “Online/Offline” aufgegeben, aber zieht nun eine andere Grenze. In einem Papier zur Unterrichtung des Ältestenrates heißt es:

“Hauptkriterium für die Ausgabe einer Jahresakkreditierung für den Bundestag ist daher der Nachweis einer hauptberuflichen journalistischen Tätigkeit zur Parlamentsberichterstattung. Dies geschieht durch Vorlage eines von anerkannten Journalisten-Organisationen vergebenen Presseausweises beziehungsweise einer redaktionellen Bestätigung sowie entsprechender Arbeitsnachweise. Ziel ist, dass die Jahresakkreditierungen vor allem diejenigen Medienvertreter bekommen, die ständig aus dem Parlament berichten. Medienvertreter, die nicht regelmäßig über den Bundestag berichten, können mit ihrem Presseausweis oder einer redaktionellen Bestätigung jederzeit eine befristete Akkreditierung für einzelne redaktionelle Vorhaben mit politisch-parlamentarischen Bezug erhalten.”

Dürfen wir uns das so einfach machen? Lassen wir mal diese ominöse “redaktionelle Bestätigung” und die Arbeitsnachweise beiseite, die – wie wir am Beispiel von Anna Biselli gesehen haben – eh keinen interessieren. Bin ich nur Journalist, wenn ich einen Presseausweis besitze? Wie war das nochmal mit der Pressefreiheit? Ich bin mal so frei und zitiere aus Artikel 5 des Grundgesetzes:

“(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.”

Korrigiert mich gerne, aber ich denke, da steht nichts von “Presseausweis”. Da steht “Jeder”. Und wenn nicht der Bundestag eine “allgemein zugängliche Quelle” sein sollte, ja was zum Henker denn dann? Abgeordnete werden nicht umsonst Volksvertreter genannt. Sie werden von uns allen gewählt. Allgemeiner geht es kaum. Da gibt es meiner Meinung nach keinen Deutungsspielraum.

Die Sache mit der Hauptberuflichkeit

Ich möchte an dieser Stelle noch ein wenig mehr in die Tiefe gehen. Der Knackpunkt, an dem sich die Pressestelle des Bundestages damals stieß, war also die Tatsache, dass Frau Biselli nicht hauptberuflich für netzpolitik.org tätig war. Soll heißen: Sie hat kein oder nur wenig Geld damit verdient. Und damit komme ich auch zu der Frage, die mich ganz persönlich betrifft: Ist das, was ich hier auf meinem Blog so treibe, eigentlich Journalismus? Ich verdiene damit nicht meinen Lebensunterhalt. Bin ich ein Schreiberling zweiter Klasse?

Ich bin der Meinung, dass ich hier durchaus journalistisch arbeite. An wen kann ich mich also in diesem Fall wenden? Ah, ich habs – eine Interessenvertretung! Schauen wir uns doch mal an, wie der Deutsche Journalisten-Verband – immerhin der größte seiner Art in Europa – den Beruf des Journalisten definiert und welche Bedingungen damit für die Ausgabe eines Presseausweises gelten:

Ein Journalist ist jemand, der: “hauptberuflich […] an der Erarbeitung bzw. Verbreitung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Medien mittels Wort, Bild, Ton oder Kombination dieser Darstellungsmittel beteiligt ist, und zwar vornehmlich durch Recherchieren (Sammeln und Prüfen) sowie durch Auswählen und Bearbeiten der Informationsinhalte, durch deren eigenschöpferische medienspezifische Aufbereitung (Berichterstattung und Kommentierung), Gestaltung und Vermittlung oder durch disponierende Tätigkeiten im Bereich von Organisation, Technik und Personal.”

Klingt erstmal ganz nach dem, was ich hier so mache. Nur, da ist wieder dieses “hauptberuflich”.

“Hauptberuflich tätig ist, wer mit seiner journalistischen Tätigkeit den überwiegenden Teil seines Lebensunterhaltes bestreitet, im Zweifelsfall auch, wer den überwiegenden Teil seiner Arbeitszeit journalistischer Tätigkeit widmet. Ehrenamtliche journalistische Arbeit reicht nicht aus.”

Oha. Damit wäre meine Frage eigentlich beantwortet und meine Argumentation am Ende (andere Berufsverbände wie die DJU oder die Freischreiber sehen das übrigens genauso). Tja, das kommt davon, wenn dieses Blogger-Volk sich an ein ernsthaftes Thema jenseits von Katzenbildern und Star Wars heranwagt… Vorbereitende Recherche? Fehlanzeige. Einfach drauf los schreiben, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, das können die. Aber das war es dann auch. Oder?

Unabhängigkeit am Arsch

Es wäre das Tollste für mich, wenn ich hauptberuflich bloggen könnte, aber seien wir mal ehrlich: Vom Bloggen leben können die wenigsten. Bei mir jedenfalls reichen die monatlichen Einnahmen noch nicht mal für ein Kännchen Kaffee. Wenn ich die Ausgaben für Servermiete, Promotion usw. gegenrechne, könnte man die Angelegenheit sogar als recht exklusives Hobby bezeichnen. Ich arbeite tagsüber als Texter und Online-Redakteur für einen Online-Shop und übernehme damit Verantwortung. Für mich, für mein Leben, meine Familie, meine soziale Sicherheit. Ironischerweise schreibt der DJV in der Präambel zu seinem Grundsatzprogramm:

“Eine wesentliche Voraussetzung ihrer Unabhängigkeit ist ihre soziale Sicherheit.”

Gemeint ist natürlich die Unabhängigkeit der Journalisten. Spinnen wir diesen Gedanken doch mal weiter: Würde ich _nicht_ hauptberuflich etwas anderes machen, würde ich damit meine Unabhängigkeit als Journalist gefährden. Und ist nicht gerade diese eines der höchsten journalistischen Güter überhaupt? Wie passt das alles zusammen?

Srsly, liebe Interessenvertretung?

Es ist so, wie ich es eingangs sagte: Ich arbeite als Journalist, werde aber von der Allgemeinheit und sogar von meiner eigenen Interessenvertretung (!) nicht als solcher anerkannt. Ich weiß nicht, wie es euch geht. Aber ich finde die o. g. Definition angesichts der Zeit, in der wir leben, ziemlich für den Arsch. Ich bin nur ein ernstzunehmender Journalist, wenn ich damit meinen Lebensunterhalt bestreite? Ernsthaft (Oder: “Srsly?”, wie wir kessen, jungen Leute hier im Internet sagen)? Lässt sich von der Tatsache, dass ich unabhängig schreibe und für meine eigene soziale Sicherheit sorge, irgendeine Aussage über die Qualität meiner journalistischen Arbeit ableiten? Ich denke nicht. Verdammt nochmal, nein.

Ich will kein #Neuland mehr sein

Mal ganz offen und bei allem nötigen Respekt, ihr lieben journalistischen Berufsverbände: In welchem Jahrzehnt seid ihr eigentlich eingepennt? Es geht mir hier gar nicht darum, eure Backförmchen benutzen zu dürfen oder in irgendwelchen Gremien zu sitzen. Ihr sollt meine Interessen als Journalist vertreten, stattdessen handelt ihr mit euren archaischen Zugangskriterien für einen Presseausweis im Sinne einer Regierung, die angesichts der Snowden-Enthüllungen das Internet allen Ernstes als #Neuland bezeichnete. Ihr definiert einen elitären Kreis von Personen, die sich einzig und allein dadurch auszeichnen, dass sie das vermeintliche Glück haben, eine der immer rarer werdenen Festanstellungen im Journalismusbereich ergattert zu haben oder freiberuflich für etablierte Medien zu schreiben. Was ihr damit vollkommen ignoriert, ist die seit Jahren andauernde Entwicklung der Medienlandschaft. Für die meisten von uns ist das Internet kein #Neuland mehr.

Qualität vs Quantität

Was ist also mit dem Medium Blog? Ist es nicht wichtig genug? Und ich meine damit nicht produkttestende Muttis, Tagebuch schreibende Teenager oder andere Amateure. Ich meine Menschen, die sehr viel Zeit, Arbeit, Geld und Leidenschaft – und Professionalität! – in ihr eigenes Medium investieren, jeden Tag Hunderte oder sogar Tausende Leser anziehen und denen dennoch ein Presseausweis und damit die allgemeine Anerkennung als Journalist verwehrt wird – nur weil sie nicht den überwiegenden Teil ihres Einkommens mit dem Bloggen bestreiten.

Ich möchte das noch einmal in aller Deutlichkeit wiederholen:

Hauptberuflichkeit ist kein Qualitätsmerkmal. Qualität ist ein Qualitätsmerkmal. Hauptberuflichkeit sagt – wenn überhaupt – nur etwas über die Quantität meines journalistischen Outputs aus.

Eine qualitative Ja-/Nein-Bewertung der Frage “Bin ich Journalist” mit dem Ausschlusskriterium “Verdienst du damit dein Geld?” halte ich für eine obsolete Sichtweise, die absolut nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Die fetten Jahre sind vorbei, insbesondere in der Verlagswelt. Wir leben nicht mehr in den Wirtschaftswunder-Zeiten, in denen man einen Job bekam und diesen dann 40 Jahre lange ausführte. Und solange ich nicht gerade hauptberuflich Versicherungen verkaufe, die ich dann – vollkommen objektiv natürlich – in meinem Blog platziere, mit Crack deale oder waffenfähiges Plutonium an Nordkorea verhökere, sehe ich auch keinen Interessenskonflikt im Sinne des Pressekodex.

Ich sag jetzt mal was zum Thema Qualität: Längst sind die sogenannten Underdogs in ihren spezifischen Nischenthemen schneller als ihre Onlinekollegen von Spiegel, Süddeutsche, Bild und Co. (als die Printkollegen sowieso…). Wie oft habe ich schon eine Meldung in einem Blog gesehen, nur um ein oder zwei Tage später abwinkend zu registrieren, dass auch die “Großen” das Thema für sich entdeckt haben – und dann noch nicht einmal ihre Quellen verlinken. Und ein kleines Beispiel zum Stichwort Sorgfalt: Wenn ich noch einmal lese, dass die Raumsonde Voyager unser Sonnensystem verlassen hat, obwohl sie das definitiv nicht hat, bekomme ich einen Schreikrampf…

Autonome Informationszellen

Blogger sind mehr als nur ein beiläufiger Teil der modernen Informationsgesellschaft. Sie sind autonome Sender, die einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Meinungsbildung leisten. Sie sind in ihren Kern-Themengebieten meistens hochspezialisiert und greifen auf jahrelange Experten-Erfahrung zurück, die man nicht an einer Journalistenschule lernt. Sie erledigen Aufgaben, die sonst von einer ganzen Redaktion plus IT-Abteilung plus Verlag plus Marketing etc. gestemmt werden. Und: Sie sprechen eine zeitgemäße Sprache. Ich warte auf den Tag, an dem ich mal eine Filmkritik in der FAZ lese, die nicht so verschwurbelt ist, dass man sich schon nach den ersten beiden Absätzen einen Nagel ins Ohr hämmern will.

Von Gürtellinien und Kapuzenpullis

Sollte jetzt jemandem ein zynisches “Mimimi” auf den Lippen liegen, möchte ich – mit Verlaub und einem Zuckerhäubchen Respekt obendrauf – folgendermaßen antworten (Mehrfachnennungen möglich):

a): Geh und lies etwas anderes. Hier gibt es nichts für dich zu sehen.
b): Schieb dir dein elitäres Denken in deinen priviligierten Arsch.
c): Deine Mudder.

Ja, genau. Ich begebe mich auch unter die Gürtellinie, wenn die Situation es erfordert oder ich einen Lacher damit auf meiner Seite habe. So machen wir das hier. Ich habe als Blogger gelernt, dass ich meine Leserschaft nicht nur informieren muss, sondern auch hier und da unterhalten darf. Damit mache ich mich relevant. Nicht für Menschen, die über die Vergabe von Presseausweisen entscheiden, sondern für meine Leser. Ich habe kein Monetarisierungsproblem. Ich gehe arbeiten und mache das hier zusätzlich, weil ich es wichtig finde. Und ja, ich bin frustriert. Ich nutze hiermit das einzige Privileg, das ich als Blogger habe: Ich veröffentliche diesen Beitrag, weil _ich_ es so entscheide. Weil _ich_ es wichtig finde. Weil es mich verdammt nochmal _ankotzt_, dass in vielen Redaktionen sogenannte “Hoodie-Journalisten” dazu verdammt werden, die Storys ihrer Printkollegen aufzuwärmen, anstatt eigene Inhalte produzieren zu dürfen, dann aber allgemein als Journalisten anerkannt werden – und Blogger eben nicht. Der Arbeitsvertrag macht den Unterschied. Das kann und darf nicht so sein.

Das Traurige daran ist: Es gibt keine gesetzliche Regelung, die die herausgebenden Verbände dazu zwingt, den Passus “hauptberuflich tätig” in die Bedingungen für den Presseausweis zu schreiben. Und zwar ganz bewusst, weil dies gegen den oben zitierten Artikel 5 GG verstoßen würde. Ich vermute dahinter einfach die mangelnde Bereitschaft, anstrengende Einzelfallprüfungen durchführen zu müssen, wenn jemand wie ich einen Presseausweis beantragt.

Nennen wir die Sache mal beim Namen

Es geht mir hier um Folgendes: Der Status Quo hat eine Situation zur Folge, die nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Sie ist subtil. Wird mir der Presseausweis verwehrt, habe ich kein Zeugnisverweigerungsrecht, keinen Quellenschutz und kein Auskunftsrecht gegenüber Behörden. Ich habe einen erheblich erschwerten Zugang zu Informationen. Ich werde in der Ausübung meiner journalistischen Tätigkeit behindert.

Und das, liebe Kollegen, nennt man Zensur.

Marvin Mügge

Marvin Mügge

Weltraumpräsident at Weltenschummler
Gonzo-Journalist. Hat als Einziger das Ende von Lost verstanden und eine hohe Trash-Toleranzgrenze. Serienaddict, Kinogänger, Medienkritiker, GIF-Sammler und gescheiterter Physiker. Gründer von Weltenschummler.
Marvin Mügge

@mueggemarvin

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Marvin Mügge