Schrödingers Katze und die Logik von Zeitreisen in Rian Johnsons “Looper”

Looper Poster

Die Logik von Zeitreisen kann äußerst zermürbend sein. Durch die zwangsläufige Interaktion des Zeitreisenden mit der Vergangenheit entstehen am laufenden Band Widersprüche. Normalerweise. Denn Rian Johnson ist mit “Looper” das Kunststück geglückt, eine plausible Zeitreisegeschichte zu erzählen, die frei von Widersprüchen ist – indem er die Quantenphysik zur Hilfe nimmt.

Von Zeitreisen und Wahrscheinlichkeiten

Joe Simmons (Joseph Gordon-Levitt/Bruce Willis), Titelheld in Rian Johnsons Science-Fiction-Thriller “Looper“, ist ein Auftragskiller der besonderen Art: Er tötet Menschen, die aus der Zukunft per Zeitreise zu ihm verfrachtet werden und entsorgt dann deren Leichen. Der auf der Hand liegende Vorteil für die Auftraggeber in der Zukunft: Keine Leiche, kein Verbrechen.

Eines Tages bekommt Joe sein zukünftiges Selbst vor die Donnerbüchse gebeamt. Das ist Teil seines Arbeitsvertrags – er soll den Joe aus der Zukunft ermorden und so “seinen Loop schließen”; sein älteres Ich erklärt sich verständlicherweise nicht damit einverstanden. Die Aktion scheitert, und nun arbeiten zwei Manifestationen der selben Person in der selben Gegenwart gegeneinander. Diese schöne Prämisse nutzt Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson, um ein geschicktes Spiel mit Wahrscheinlichkeiten zu konstruieren und einer spannenden Frage nachzugehen: Gibt es mehr als nur eine Wirklichkeit?

Das Dilemma von Ursache und Wirkung

Das Problem bei Zeitreisen ist im Allgemeinen, dass unser Leben und auch die Wahrnehmung des selben linear verläuft. In keiner anderen Situation wird das Zusammenspiel von Ursache und Wirkung so deutlich wie bei einer Zeitreise in die Vergangenheit, denn plötzlich springen wir von der Wirkung zur Ursache. Im Extremfall beeinflussen wir diese sogar und laufen Gefahr, eine andere Wirkung zu erzielen, soll heißen: der in die Vergangenheit Gereiste beeinflusst seine in der Zukunft liegende Gegenwart.

An diesem Dilemma sind ganze Heerscharen von Geschichtenerzählern gescheitert, selbst die Besten unter ihnen. Umso verblüffender ist der Ansatz, den Rian Johnson gewählt hat, denn er switcht äußerst geschickt die physikalischen Modelle: Zeitreisen sind mit der Logik der klassischen Physik nicht zu bewältigen. Also muss eine Umgebung her, in der Zeitreisen sogar theoretisch möglich sind. Glücklicherweise gibt es so etwas tatsächlich: die Quantenpyhsik.

Schrödingers Katze…

Johnson macht sich das berühmte Gedankenexperiment von Erwin Schrödinger, bekannt als “Schrödingers Katze” zu Nutze. Dieses thematisiert folgendes Problem: In der Quantenphysik wird der Zustand eines Teilchens erst durch den Akt der Beobachtung festgelegt. Solange wir zum Beispiel nicht versuchen, seinen Ort zu bestimmen, existiert es an zwei Orten gleichzeitig. Überträgt man dieses Phänomen nun auf unsere normale Welt, entsteht das berühmte Paradoxon: die Katze in der verschlossenen Kiste ist gleichzeitig tot und lebendig. Erst wenn wir die Box öffnen und nachschauen, ist der kleine Mäusefänger nur noch eines von beiden. So weit, so gut. Doch was hat das mit Zeitreisen oder “Looper” zu tun?

… eröffnet neue Möglichkeiten

Nun, “Looper” ist ein Spiel mit Optionen und Realitäten. Immer wieder stehen die Figuren des Films, allen voran Joe Simmons, vor gravierenden Entscheidungen. Das ist natürlich in fast jedem Film so, aber der entscheidende Unterschied hier besteht darin, dass wir uns in einem Loop, einer Zeitschleife befinden. In dem Moment, wo sich der Zukunfts-Joe und der Gegenwarts-Joe begegnen, trägt der ältere Looper das Wissen über eine zukünftige Realität in die Gegenwart des Jahres 2044. Doch diese Welt im Jahr 2074 ist eben nur eine Möglichkeit und die Wirklichkeiten überlagern sich. Für den jungen Simmons ist sie lediglich eine Option, die er durch sein Handeln wählen kann. Der alte Simmons hat selbstverständlich Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit, sie sind jedoch nur klar und eindeutig bis genau zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Filmhandlung befindet. Alles andere sind Wahrscheinlichkeiten, die sich in seinem Gedächtnis überlagern und gleichzeitig existieren – auch wenn es sich für ihn so anfühlt, als käme er aus einer definiten Realität. Auf den ersten Blick ein erstklassiges Paradaxon, aber genau dieser Kunstgriff löst alle Widersprüche in Luft auf.

Viele Welten

In der Physik nennt man das die “Viele-Welten-Interpretation“, die auf Hugh Everett zurückgeht. Nach diesem Modell gibt es sowohl ein Universum, in dem die Katze tot ist als auch eines, in dem sie noch lebt. Der doppelte Joe Simmons, dessen Entitäten jeweils konträre Ziele verfolgen, sind die Analogie dazu. Beide sind gleichermaßen physikalische Realität. Unsere Erinnerungen und die reale Welt sind nur eine von unendlich vielen Möglichkeiten, die alle parallel exisitieren. Mit jeder Entscheidung und jedem Ereignis verzweigt sich unser persönliches Universum weiter.

Die Schleife

Spätestens als der junge und der alte Joe Simmons gegen Ende des Films erneut aufeinander treffen und deren Konflikt sich auf den kleinen Jungen konzentriert, der einst als telekinetisch begabter Halbgott names “Regenmacher” die Welt tyrannisieren wird, sieht man, wie geschickt Johnson die Story konstruiert hat. Der junge Joe erkennt, dass er sich in einer sich immer wiederholenden Schleife befindet: Der komplette Plot führt nämlich seine Figuren genau zu dem Punkt, an dem die Geschichte sich selbst begründet. Der Joe aus der Zukunft ist bei seiner Jagd auf den Regenmacher drauf und dran, die Mutter des Jungen zu töten und damit überhaupt erst die Person zu erschaffen, die sein Leben in der Zukunft zerstören wird. Genau diese Person ist außerdem der Chef der Looper-Organisation – also der Mann, der eines Tages auch den jungen Joe als Auftragskiller engagieren wird, was wiederum dazu führt, dass er im Jahr 2044 auf sein älteres Ich aus dem Jahr 2074 trifft. Diese Schleife ist so wunderschön konstruiert, dass ich mich am liebsten spontan davor verneigen würde.

Vom Gordischen Knoten zum Braintwister

Der junge Joe entscheidet sich zu dem einzigen Schritt, der die Story tatsächlich beenden kann. Er richtet die Waffe gegen sich selbst und damit auch gegen seinen älteren Gegenpart. Der Gordische Knoten löst sich und die Verbliebenen können durch diese signifikante Richtungsänderung auf einer alternativen Zeitschiene weiterleben, denn der “böse” Regenmacher existiert nur in der Realität, in der er seine Mutter verliert. Der junge Joe öffnet die Tür zu einer Wirklichkeit, die streng genommen bereits in einer anderen Form passiert ist und dazu führte, dass Joe senior eine Zeitreise antrat, seinem jüngeren Ich entkam… und so weiter und so fort. Das wirklich Grandiose dabei ist: Die beiden Wirklichkeiten überlagern sich, stehen aber auch in einem Kausalzusammenhang, da die neue, alternative Realiät nur existieren kann, weil zuvor der Loop ablief und Joe seinem Leben ein Ende setzte. So etwas nennt man dann wohl einen Braintwister.

Also?

Natürlich ist “Looper” in erster Linie sehr gut gemachtes Entertainment. Aber sehr gute Filme zeichnen sich eben auch dadurch aus, dass man sich einerseits unterhalten fühlt, andererseits aber auch, sofern man das möchte, interessante Metaebenen entdeckt. Und genau das leistet der Film. Er ist eine im Gewand eines Sci-Fi-Action-Thrillers daherkommende, geschickte Allegorie auf die Fragestellungen, die Erwin Schrödinger in seinem Gedankenexperiment vor 78 Jahren problematisierte. Ich jedenfalls liebe den Film dafür.

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Marvin Mügge

Marvin Mügge

Weltraumpräsident at Weltenschummler
Gonzo-Journalist. Hat als Einziger das Ende von Lost verstanden und eine hohe Trash-Toleranzgrenze. Serienaddict, Kinogänger, Medienkritiker, GIF-Sammler und gescheiterter Physiker. Gründer von Weltenschummler.
Marvin Mügge

@mueggemarvin

Freelance Journalist // Blog https://t.co/DUpcz185Ji // An den Social-Media-Tasten @BILDamSONNTAG // Movie Guy @turnon
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Marvin Mügge