Manifest eines Verrückten

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Dies ist einer der wichtigsten Artikel, die ich je geschrieben habe. Am wichtigsten für mich. Für meine Träume. Wichtig ist in diesem Fall also höchst subjektiv. (Aber ist es das nicht immer? Ich halte Objektivität für eine Illusion. Sie ist ein Versprechen, das nie eingelöst werden kann.)

Ich muss gestehen, dass ich ein bisschen Angst habe, denn ich kann nur hoffen, dass ich euch erreiche. Dass ihr auch nur ansatzweise versteht, was in mir vorgeht, während ich diese Worte schreibe.

Haltet mich für verrückt, haltet mich für größenwahnsinnig, aber ich habe nichts Geringeres vor, als die Art und Weise zu verändern, wie wir in Deutschland TV-Serien produzieren. So, wie wir es im Moment machen, funktioniert es nicht. Ich weiß nicht, für WEN verdammt noch mal die Scheiße gedreht wird, die deutsche Fernsehsender uns andrehen wollen, aber für MICH kann das definitiv NICHT sein. Es interessiert mich nicht nur nicht, ich schäme mich dafür.

Ich habe einen Plan. Einen Plan, wie Autoren wie ich ihr Publikum für ihre Projekte finden können – und in letzter Konsequenz natürlich auch das nötige Kleingeld. Ich stelle diesen Plan hiermit allen Kollegen zur Verfügung. Das beste daran: Die Fernsehsender kommen nicht darin vor.

Mein Plan besteht aus drei wichtigen Komponenten:

  • direkte Kommunikation
  • kompromisslose Transparenz
  • unbedingte Remixkultur

Was bedeutet das nun im Einzelnen?

Direkte Kommunikation
Autoren sind dank des einzigartigen Mediums Internet heutzutage in der Lage, das Publikum direkt anzusprechen. Wir können unsere Ideen direkt am Leser/Zuschauer testen. Dazu bedarf es keines “Zwischenhändlers” in Form von Verlagen, Agenturen oder Produktionsfirmen. Wir brauchen auch keine Fernsehsender. Drehbücher sind Literatur. Es ist äußerst kurzweilig, sie zu lesen. Warum also nicht eine der vielfältigen publizistischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters nutzen und die Idee in Form des Drehbuchs auf direktem Wege dem Publikum anbieten? Sollte das Projekt auf diesem Weg eine Anhängerschaft aufbauen können, dann dürfte es auch kein Problem sein, die filmische Umsetzung zu finanzieren (z. B. per Crowdfunding).

Begleitend dazu müssen wir ohne Umwege MIT den Menschen ÜBER unsere Ideen sprechen. Wir sind Autoren. Wir sind Experten für Kommunikation. Warum beschränken wir uns darauf, eine Geschichte zu erzählen und sie zu Papier zu bringen, nur um sie dann von irgendwelchen Businesskaspern so lange in ihre Einzelteile zerlegen und wieder zusammensetzen zu lassen, bis nichts mehr von unserer Story übrig ist? Warum nutzen wir unsere Skills nicht, um den Leser zu überzeugen? Das führt mich zum zweiten Punkt:

Kompromisslose Transparenz
Wir Autoren müssen aus unserem Elfenbeinturm rauskommen, und den Lesern mitteilen, was in uns vorgeht. Was wir uns dabei denken, wenn wir eine Szene so oder so schreiben. Welchen Soundtrack wir uns vorstellen. Wer in unseren kühnsten Träumen die Rollen spielt. Wir müssen den späteren Zuschauer schon während des kreativen Prozesses involvieren. Wir müssen nicht nur unsere Fantasie benutzen, sondern auch die des Lesers. Wir müssen sein Herz erreichen. Wir müssen es schaffen, dass das Publikum dieselbe Vision hat wie wir. Nichts ist mächtiger als Menschen, die einen gemeinsamen Traum haben.

Dazu müssen wir zum gläsernen Autor werden. Unsere Komfortzone verlassen. Ein paar von unseren Zaubertricks verraten und uns entmystifizieren. Uns der Kritik stellen und sie entweder dankend annehmen oder knallhart abschmettern. Habt Mut pathetisch zu sein! Das schließt natürlich das Risiko ein, sich vollkommen zu blamieren, aber hey – fuck it! Redet über Eure Ideen, als wären es eure Kinder – denn sie sind es.

Das bringt mich zur dritten Komponente: Kinder müssen spielen. Also lasst sie:

Unbedingte Remixkultur
Lasst die Leute mit euren Ideen spielen. Lasst es nicht nur zu, sondern ermutigt sie dazu. Fan-Art und Fan-Fiction sind eine großartige Sache. Meiner Meinung nach gibt es kaum ein größeres Kompliment: Jemand entfaltet auf Grundlage meiner Arbeit sein eigenes schöpferisches Potential. Ich finde das wunderbar und wünsche es mir ausdrücklich für jedes meiner Werke.

Seid dankbar für jeden, der eure Arbeit nimmt und remixt. Denn in diesem Moment passiert etwas Unglaubliches: Euer Werk verselbstständigt sich, entwickelt eine Eigendynamik. Es ist auf dem Weg, sich zu einer eigenen, kleinen Subkultur zu entwickeln. Die Menschen nehmen aktiv an eurem Projekt teil, statt es nur passiv zu konsumieren.

Wenn wir das schaffen, wird alles gut, denn dann haben wir das Kunststück einer Inception vollbracht. Wir haben eine Idee in die Köpfe und die Herzen der Menschen gepflanzt. Unsere Idee. Von diesem Punkt an ist es keine Ja-oder-Nein-Frage mehr. Es ist nur noch eine Frage der Optionen.

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Anmerkung: Dieser Beitrag ist Teil des folgenden Gedankengangs:

Warum es keine guten TV-Serien aus Deutschland gibt
Ein Plädoyer für das Drehbuch

Bad Banks: Episode 01 als PDF herunterladen

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Alle Beiträge zu BAD BANKS.

Marvin Mügge

Marvin Mügge

Weltraumpräsident at Weltenschummler
Gonzo-Journalist. Hat als Einziger das Ende von Lost verstanden und eine hohe Trash-Toleranzgrenze. Serienaddict, Kinogänger, Medienkritiker, GIF-Sammler und gescheiterter Physiker. Gründer von Weltenschummler.
Marvin Mügge

@mueggemarvin

Freelance Journalist // Blog https://t.co/DUpcz185Ji // An den Social-Media-Tasten @BILDamSONNTAG // Movie Guy @turnon
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Marvin Mügge