Warum es keine guten TV-Serien aus Deutschland gibt

Foto: kenfagerdotcom (Flickr/CC BY-NC-SA 2.0)

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Das Dilemma mit den Serien

Warum gibt es keine guten TV-Serien aus Deutschland? Diese Frage beschäftigt mich schon sehr lange, und aus vielen Gesprächen mit Gleichgesinnten und jahrelanger Beobachtung der Szene weiß ich, dass ich damit nicht alleine dastehe. Es ist also an der Zeit, das Ganze mal näher zu betrachten.

Dieser Artikel ist der erste in einer ganzen Reihe von konzeptionellen Beiträgen, die ich zum Themenkomplex “Filme & TV-Serien” publizieren möchte, weil es ein Thema ist, das mir sehr am Herzen liegt. Einerseits bin ich ein leidenschaftlicher Zuschauer, andererseits habe ich ein Herzensprojekt, das ich sozusagen als Kulminationspunkt meiner Überlegungen vorstellen werde. Doch ein Schritt nach dem anderen.

Warum gibt es keine guten TV-Serien (und Filme) aus Deutschland? Ich nehme die Antworten mal vorweg:

1. Weil die Autoren nicht ernstgenommen werden.

2. Weil es von Senderseite ein Dogma gibt, man müsse möglichst “realistisch” und “nah am Volk” erzählen.

3. Weil sich keiner traut, mutige Formate zu produzieren und das nötige Geld dafür in die Hand zu nehmen.

4. Weil wir in Deutschland nicht die nötige Senderstruktur haben.

Ich werde das noch näher erklären, möchte aber zunächst eine Gegenfrage voranstellen: Warum gibt es so viele US-Serien (und einige wenige aus UK), die dermaßen viel Erfolg haben? Und das weltweit? Das Business mit hochwertigen TV-Serien hat sich mittlerweile zum Kerngeschäft von Sendern wie HBO, Showtime und AMC entwickelt. Was wird jenseits des Atlantiks anders gemacht als hier? Ich kenne so gut wie niemanden meiner Generation (und auch der jüngeren), der sich diese Frage nicht schon gestellt hat. Die enttäuschende Antwort: “Wir habens einfach nicht drauf.”

Mangel an künstlerischer Freiheit

Doch mit dieser Antwort machen wir es uns zu einfach. Es mangelt ganz sicher nicht an künstlerischer Qualität. Das Problem sind die verstaubten Strukturen, welche die Kunst zum Publikum bringen sollen. Es mangelt an künstlerischer, kreativer Freiheit. Ich behaupte, wir hätten auch die Schauspieler für wirklich gute Serien (und natürlich auch Filme). Doch die meisten müssen sich in drittklassigen Produktionen verdingen, um überhaupt von irgendetwas leben zu können. Bestes Beispiel ist Christoph Waltz. Bevor der zweifache Oscarpreisträger unter Tarantinos Fittiche genommen wurde, hat er unter anderem grausame Rollen wie die als Roy Black (“Du bist nicht allein – Die Roy Black Story”, 1996) annehmen müssen. Weniger prominent, aber umso erstaunlicher, ist der Fall des hierzulande nur durch billigste Klamauk-Sketche bekannte Volker Michalowski (“Zack! Comedy nach Maß”). Wer hätte gedacht, dass er eine Rolle in “Inglourious Basterds” ergattern würde? Ich jedenfalls nicht, und für mich war sein Auftritt in diesem Film ein echtes Aha!-Erlebnis, das mir unwiderlegbar zeigte: gutes Schauspiel braucht gute Autoren (und Regisseure). Noch mehr Beispiele, gefällig? Die grandiose Figur des gesichtslosen Mannes Jaqen H’ghar aus “Game of Thrones” wurde von Tom Wlaschiha dargestellt – auch bekannt aus deutschen Unterhaltungsperlen wie “Pura Vida Ibiza” oder “Cobra 11”. Von Sibel Kekillis GoT-Rolle als Shae will ich gar nicht erst anfangen. Das sind natürlich alles keine Hauptrollen, aber sie unterstreichen dennoch, was ich sagen will: gutes Schauspiel braucht gute Autoren.

Der Korrekturdrehwolf

Haben wir also keine gute Autoren? Auch das möchte ich bestreiten. Aber das, was von einem Drehbuch letzten Endes übrigbleibt, wenn es von den Produzenten zerpflückt wurde, hat einfach nichts mehr mit der ursprünglichen Geschichte zu tun. Ein “Tatort”-Drehbuchautor bekommt bis zu 30.000 Euro für sein Werk – allerdings muss er vorher unzählige Korrekturschleifen über sich ergehen lassen, sodass oft bis zu ein Jahr (oder länger) vergeht, bis tatsächlich Geld fließt. Als vor einigen Jahren die Gagen für Drehbuchautoren solcher Formate bekannt wurde, mokierten sich viele über diese mutmaßliche “Goldgrube”. Aber selbst wenn man die nachträglichen Zahlungen für evtl. Wiederholungen mit einbezieht, ist diese Formulierung eine absolute Unverschämtheit. Drehbuchautoren sind in aller Regel keine Angestellten, sondern Freiberufler. 30.000 Euro vor Steuern und allen anderen Kosten für ein Jahr Arbeit? Nicht gerade eine Goldgrube wie ich finde. Wenn man die Schlüsselposition eines Autors berücksichtigt – ohne Story kein Film – grenzt das Ganze an Respektlosigkeit. Respektlosigkeit vor der kreativen Leistung von Autoren.

Einmal “Heimat” und zurück

Doch lassen wir das Geld mal beiseite. Der Punkt ist, dass ich als (Drehbuch-)Autor in Deutschland dazu verdammt bin, Geschichten aus Deutschland zu schreiben. Realistische Geschichten, wohlgemerkt. Heraus kommen “Glanzstücke” der Fernsehlandschaft wie “In aller Freundschaft”, “Der Bulle von Tölz”, “Ritas Welt”, “Gute Zeiten, Schlechte Zeiten” oder noch Schlimmeres. Mal ehrlich, wer will den Mist gucken? Das Fernsehen produziert an mehreren Generationen vorbei, die eben nicht solch ein Dreck konsumieren wollen, sondern sich lieber die neuesten US-Serien übers Netz streamen oder komplette Staffeln auf DVD und Blu-ray kaufen. “Dexter”, “Breaking Bad”, “American Horror Story”, “The Wire”, “Sopranos”, “True Blood”, “The Walking Dead”, “Californication”, “Entourage”, “Homeland”, “Game of Thrones” – hoch geschätzte und beliebte Formate, die entweder auf schlechten Sendeplätzen versauern oder noch nicht einmal den Sprung ins Free-TV schaffen. Serien, die in den USA (trotz Pay-TV!) absoluter Mainstream sind und mit Preisen überhäuft werden, fristen bei uns ein Nischendasein. Das Publikum ist da, auch bei uns. Es wird nur nicht abgeholt.

Der Autor als Produzent

In den USA ist es Gang und Gäbe, dass die Schöpfer der Serie fest in den Produktionsprozess eingebunden sind, oft sogar als Executive Producer. Sie nehmen maßgeblich Einfluss auf das Endprodukt, an dessen Anfang sie stehen. “True Blood” trägt die Handschrift seines Schöpfers Alan Ball, Tom Kapinos sorgt dafür, dass Hank Moody in “Californication” stets so launisch bleibt, wie er ihn sich ausgedacht hat – zwei ausgewählte Beispiele von vielen. Und exemplarisch für den Erfolg zahlreicher US-Serien. Die Autoren werden ernstgenommen, ihnen wird vertraut, es gibt erzählerischen Freiraum. Dass Formate wie “American Horror Story” oder “Breaking Bad” in Deutschland produziert werden ist quasi undenkbar. Zu unrealistisch, zu weit weg vom deutschen Otto Normalverbraucher. Dann doch lieber “Marienhof” und “Die Camper”.

Das Dogma der realistischen Unterhaltung mit Heimatbezug ist aber vollkommen fehl am Platz: Die Jahrgänge, die in den 80ern und den nachfolgenden Jahrzehnten aufwuchsen, sind – was die Film- und Fernsehgewohnheiten angeht – durch und durch sozialisiert von Hollywood. Ich hab noch nie den Satz gehört: “Oh, was? Eine amerikanischer Film? Näää, das guck ich nicht.” Ungleich öfter allerdings gilt das für deutsche Produktionen. Wie man in einer globalisierten Welt darauf bestehen kann, mediale Heimatverbundheit zu demonstrieren, ist mir vollkommen schleierhaft. Lasst die Autoren doch einfach schreiben, womit sie sich wohl fühlen. Wenn die Story in Castrop-Rauxel spielt, gut. Aber wenn sie in New York stattfindet – und wo sie stattfindet, muss Entscheidung des Autors und unabhängig von seinem Geburtsort sein – auch gut. Im Zeitalter des Internets kann ich genügend Location-Recherche betreiben, ohne jemals vor Ort gewesen sein zu müssen. Ich persönlich jedenfalls habe ein genaueres Bild von New York City als von Castrop-Rauxel.

Von billigen Kopien und Trugschlüssen

Der Trugschluss, der zu diesem Dilemma führte, war die Annahme, dass man erfolgreiche US-Serien einfach adaptieren, deutlicher gesagt: kopieren und auf Deutschland übertragen kann. Als RTL in den frühen 90ern mit “Hilfe, meine Familie spinnt” baden ging, führten die Verantwortlichen das groteskerweise darauf zurück, dass das Format bei uns nicht funktioniere, zu amerikanisch sei – anstatt zu erkennen, dass niemand einen billigen 1:1-Abklatsch von “Eine schrecklich nette Familie” sehen will. Die Problemchen der TV-Charaktere waren nicht zu weit weg vom deutschen Publikum – es wollte sich einfach nicht verarschen lassen.

Die Sender trauen dem Zuschauer nichts zu. Sie unterschätzen ihn. Neue Sendungen müssen aus dem Stand funktionieren. Tun sie das nicht, werden sie ad hoc abgesetzt. Ich verstehe, dass auch ein Fernsehsender wirtschaftlich arbeiten muss. Das Problem aber, dass sich die TV-Industrie dabei selbst strickt: es wachsen mehrere Generationen von geschmackssicheren, gebildeten und womöglich sogar gutverdienenden Zuschauern heran, die absolut keine Markenbindung mehr zu den Sendern haben werden. Die großen Senderfamilien, allen voran RTL, zeichnen sich vor allem durch Ballermann-Unterhaltung aus, die an diesen Menschen vollkommen vorbei geht. Ich kenne viele, die gar keinen Fernseher mehr besitzen, sondern nur noch ausgewähltes Programm übers Internet konsumieren.

Katastrophales Marketing

Ich warte auf den Tag, an dem der Programmchef eines großen Senders den Mut hat, eine Serie wie “Dexter” auf die Prime Time zu legen. Und was noch wichtiger ist: zu erkennen, dass sofortige Rekord-Einschaltquote nicht immer alles sein darf und den Fehler für mangelndes Interesse der Zuschauer auch bei sich selbst zu suchen. Das Marketing für US-Serien im Free-TV kann man getrost als katastrophal bezeichnen. Wenn man Glück hat, wird man kurz und absolut unvermittelt darauf hingewiesen, dass dies die letzte neue Folge war, die man eben sah – noch bevor der kastrierte “Abspann” in den Werbeblock überleitet. Macht man sich auf die Suche nach der durchaus interessanten Info, wann man denn nun seine heißgeliebten Figuren wiedersehen darf, bleiben oft nur Gerüchte in Foren oder vage Ankündigungen wie “Weiter geht es im Herbst”. Mehr als nur ein Mal habe ich mich darüber geärgert, dass kommentarlos Wiederholungen gesendet werden oder – noch schlimmer – einfach eine andere Sendung den Platz einnimmt.

Exportzwerg Deutschland

Gemessen an der allgemeinen Wirtschaftskraft der Exportnation Deutschland ist der internationale Erfolg deutscher Film- und Fernsehproduktionen lächerlich. Selbst im Inland kamen deutsche Kinofilme im Jahr 2012 gerade mal auf einen Marktanteil von 18,1%. Im Bereich TV steht Deutschland bestenfalls für den erfolgreichen Weiterverkauf von Formaten wie “Schlag den Raab” oder “Old Ass Bastards” (das allerdings eigentlich aus Belgien stammt und nur von hier aus vermarktet wird). Liegt es an den finanziellen Mitteln? Nun, natürlich ist die Filmindustrie in Hollywood, was das angeht, deutlich besser aufgestellt. Aber Deutschland ist, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, immerhin noch die viertgrößte Wirtschaftsnation der Welt. Wir bauen Premium-Autos, Premium-High-Tech, Premium-Was-Weiß-Ich. Es kann mir doch keiner erzählen, dass wir nicht die monetären Mittel besäßen, um qualitativ hochwertige Film- und Fernsehunterhaltung herzustellen. Allein, es mangelt am Mut.

Serien als Autorenkino

Bei der Produktion von Serien kommt erschwerend hinzu, dass wir nicht die Senderstruktur haben, wie wir sie in den USA vorfinden. HBO, Showtime, AMC – all diese Sender haben das Serienbusiness längst zu ihrem Kerngeschäft erklärt und die Konsequenzen daraus gezogen. Rob Sorcher, Programmchef von AMC (Mad Men, Breaking Bad, The Walking Dead…) erklärte einst in einem Interview: “We want to be a creator-driven environment.” Die Autoren stehen im Mittelpunkt des Schaffens- und Produktionsprozesses, denn sie sind es, die das Produkt kreieren. HBO hat bereits in den 90ern das Geschäftsmodell verworfen, das Sky hierzulande immernoch verfolgt: das vermeintliche Alleinstellungsmerkmal, Kinofilme einen Tick früher zu zeigen war und ist eine Totgeburt. Videorekorder, DVD-Player, Videotheken und heute Streamingdienste ließen und lassen den Zuschauer angesichts dieses Angebots kalt, zumal ich mit diesen Technologien selbst bestimmen kann, wann mein Programm läuft. HBO-Chef Jeffrey Bewkes zog die Konsequenzen und ließ exklusive Inhalte produzieren, die ordentlich Buzz erzeugten. Es folgten “Sex and the City”, die “Sopranos” – der Rest ist Geschichte.

Was bleibt also? Ich denke, die Autoren müssen ihre Idee, ihre Vision eben anders zum Publikum bringen. Vorbei an den Dogmen, den verstaubten Strukturen, den Sendern. Wie genau ich mir das denke – dazu später mehr an dieser Stelle.

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Anmerkung: Dieser Beitrag ist Teil des folgenden Gedankengangs:

Ein Plädoyer für das Drehbuch
Manifest eines Verrückten

Ich habe einen Plan, wie wir die Dinge verändern können. Hier erfahrt ihr mehr:

Introducing: BAD BANKS

Bad Banks: Episode 01 als PDF herunterladen

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Alle Beiträge zu BAD BANKS.

Marvin Mügge

Marvin Mügge

Weltraumpräsident at Weltenschummler
Gonzo-Journalist. Hat als Einziger das Ende von Lost verstanden und eine hohe Trash-Toleranzgrenze. Serienaddict, Kinogänger, Medienkritiker, GIF-Sammler und gescheiterter Physiker. Gründer von Weltenschummler.
Marvin Mügge

@mueggemarvin

Freelance Journalist // Blog https://t.co/DUpcz185Ji // An den Social-Media-Tasten @BILDamSONNTAG // Movie Guy @turnon
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