Lovecraft-Horror als Bilderbuch-Film: The Colour Out of Space – A Dark Doom Drone Picture Show in Slow

Handgezeichnete, liebevolle Illustrationen, ein wuchtiger Drone-Soundtrack – und jede Menge Darkness

H. P. Lovecrafts “The Colour Out of Space” hat, filmisch gesehen, keine gute Vorgeschichte. Weder “Die, Monster, Die!” aus dem Jahr 1965 noch “The Curse” (1987, Fun-Fact: u. a. mit Wil Wheaton kurz vor seiner Star-Trek-Premiere als Wesley Crusher) sind das, was man als Perlen des Horror-Genres bezeichnen würde. Auch neuere Verfilmungen wie “Colour from the Dark” (Italien 2008) oder “Die Farbe” (Deutschland 2010) reichten nicht an die Kurzgeschichten-Vorlage heran, die Lovecraft selbst immerhin als seine beste Erzählung bezeichnete.

Den erklärten Liebling eines der einflussreichsten Horror-Autoren des 20. Jahrhunderts zu verfilmen, ist also auch ohne die in den Sand gesetzten Vorgänger eine ambitionierte Aufgabe. Umso erfreulicher ist dieses Projekt, eben weil es einen ganz anderen Weg geht: “H. P. Lovecrafts ‘The Colour Out of Space’ – A Dark Doom Drone Picture Show in Slow” ist genau betrachtet gar kein Film. Es gibt keine Schauspieler und keine Dialoge. Keine Bewegtbilder. Nur handgezeichnete Illustrationen, einen Instrumental-Soundtrack und eine ordentliche Portion Darkness. Das klingt nach audio-visuellem Minimalismus, ist aber tatsächlich großartiges Comic-Kino mit feinsinnigem Horror.

Szenenbild aus The Colour out of Space

© Andreas Hartung

Der Mastermind des Ganzen ist in der deutschen Comic-Szene kein Unbekannter: Der Berliner Comiczeichner und Illustrator Andreas Hartung, auch bekannt als Gründer und Kopf des Comicmagazins “Epidermophytie“, hat sich das ungewöhnliche Konzept ausgedacht und zusammen mit “The Dunwich Orchestra” (Musik & Sound, Daniel Siegmund und David Frikell) umgesetzt. Das erste Kapitel (ca. 10 Minuten, YouTube-Lovecraft-Farbe hier) hatte am 5. November im Berliner Indie-Kino “Tilsiter Lichtspiele” Premiere, seit kurzem läuft bei Indiegogo eine Crowdfunding-Kampagne, um die Arbeit an den restlichen vier Kapiteln zu finanzieren. Im Interview hat Andreas mir verraten, was man als Unterstützer erwarten darf, warum der Film ganz bewusst auf Sprache verzichtet und warum Lovecraft nicht immer gleich Cthulhu heißen muss.

WELTENSCHUMMLER: Warum Lovecraft? Und wenn schon Lovecraft, warum nicht Cthulhu?

ANDREAS HARTUNG: Für Lovecraft habe ich seit meinem 18. Lebensjahr, seitdem ich “Die Berge des Wahnsinns“ gelesen habe, eine Schwäche. Es gibt diese Szene, wo die Wissenschaftler mit einem Helikopter über diesen Bergkamm in der Arktis fliegen und sie voller Entsetzen (bei Lovecraft sind ja immer alle entsetzt) das vollkommen fremde Panorama einer untergegangenen Stadt erblicken. Diese Szene hat mich irgendwie nachhaltig beeindruckt.

Die Geschichte „The Colour out of Space“ adaptieren wollte ich, seitdem ich beim Zeichnen eine Hörbuch-Adaption davon gehört hatte. Ich habe mir dabei vorgestellt, wie man das zeichnen würde … diese Insekten, die deformiert und aufgebläht an den Früchten saugen … wie langsam und unaufhaltsam – Bild für Bild – alles zugrunde geht.

Die Cthulhu-Geschichten sind außerhalb von Pulp-Ästhetik und Ironisierung nicht darstellbar. Sie verlieren einfach jegliche Art von Schrecken. Es gibt ja diesen Witz, dass Lovecraft eine Fischallergie hatte und deswegen alle seine Monster wie eine gemischte Meeresfrüchteplatte aussehen. Als Comicfigur oder Maske ist Cthulhu nur noch eine ziemlich cooles Tentakelmonster. Das mag ich gern, aber mit dem eigentlichen kosmischen Schrecken oder der Weltenangst, die Lovecraft ja oft beschreibt, hat das nichts zu tun. Das ist ja ein alter Trick: Sobald man das Licht anmacht, verliert das Monster seinen Schrecken. Ich wollte aber nicht den Schrecken verlieren. Ich will Lovecraft nicht augenzwinkernd lesen. Das macht mir keinen Spaß. Ich will, dass er mir Angst einjagt.

Szenenbild aus The Colour out of Space

© Andreas Hartung

Warum keine Sprache?

Die Sprache ist bei Lovecraft ja das wichtigste Stilmittel. Sein Stil wurde oft belächelt. Aus Literaturkritikersicht zu Recht, aber ich glaube, dass er in seinen Geschichten alles der Wirkung untergeordnet hat. Durch diese fast monotone, ewige, adjektivgetränkte Wiederholung, in der sich das Entsetzen des Erzählers ausdrückt, erzielt er genau diese Wirkung, dieses Weltentsetzen, welche die besten seiner Geschichten ausmacht. Er benutzt die Sprache als Werkzeug. Das ist sehr konsequent. Das kann man aber nicht übertragen. Eigentlich kann man es nur lesen. Schon beim Vorlesen wird es stellenweise echt grenzwertig.

Deswegen ist es meiner Meinung nach der einzige Weg, Lovecraft ernsthaft zu adaptieren, die Sprache wegzulassen. Denn außerhalb seiner Geschichten funktioniert die nicht mehr. Wir konzentrieren uns stattdessen ganz auf die Atmosphäre. Wir wollen darin schwelgen und sie langsam aber sicher immer weiter aufbauen. Das Entsetzen, das Unbehagen immer weiter wachsen lassen … Außerdem versteht es so instinktiv jeder Mensch auf der Welt … ohne den Umweg der Übersetzung.

Wie lange habt ihr bisher an dem Projekt gearbeitet, wie lange wird es noch in Anspruch nehmen?

Das lässt sich schwer sagen, da ich das Projekt ursprünglich als Bilderbuch umsetzen wollte. Das ist aber schon ewig her. Einige Bilder dieser allerersten Version haben es noch ins erste Kapitel geschafft. Dann dauerte es eine Weile, bis ich merkte, wie die Film-Bilder-Geschichte sich vom Buch unterscheidet. In einem Buch benötigt man viel weniger Bilder, weil der Kopf des Betrachters viel mehr Arbeit verrichtet. Das war mir vorher so nicht klar.

Und ich habe viel am Erscheinungsbild herumgefeilt. Es gibt da eine leichte Struktur, die über Teilen der Bilder liegt. Ein Krisseln. Da habe ich ewig rumprobiert, wie ich das anstelle, da mir die vorgefertigten Filter nicht gefielen. Ich wollte ja keinen Retro-Look, sondern eine unmerkliche Unruhe und Lebendigkeit über die Bilder legen. Da habe ich ganz viel Drucktechniken ausprobiert. Das war aber immer zu intensiv und hat nicht funktioniert. Letztendlich habe ich dann auf groben Papier mit einer Zahnbürste ganz viele transparente Spritzer gesetzt. Davon habe ich 30 Bilder gemacht, die ich zu einer Art Animation zusammengebastelt habe, die über bestimmten Bereichen der Bilder abläuft. Und sowas dauert natürlich. Dieses Herumprobieren und Testen hat sehr lange gedauert. Insgesamt würde ich sagen, dass wir für das erste Kapitel ein Jahr gebraucht haben. Das kommende Jahr werden wir auf jeden Fall noch komplett mit dem Projekt beschäftigt sein. Die Dauer hängt auch davon ab, wie das Crowdfunding läuft. Ob wir die Zeit und den Raum bekommen, das umzusetzen.

Andreas Hartung beim Zeichnen - The Colour out of Space

© Andreas Hartung

Das Crowdfunding-Ziel ist mit 25.000 Euro ziemlich hoch angesetzt. Warum? Was darf man als Unterstützer erwarten?

Das ist einfach das, was zusammen kommt, wenn man sich mal hinsetzt und alles zusammenrechnet. Das sind Sachen, die man bezahlen muss: Material-Kosten, bestimmte Dienstleistungen wie Mastering, Studio und solche Sachen. Dazu kommen Leute, die man bezahlen sollte, die wir bezahlen wollen … Webseitenbau, Übersetzung, Gastmusiker etc. … Und natürlich, um Zeit und Raum für uns zu erkämpfen, um die folgenden Kapitel umzusetzen. Und zwar in einem zeitlich akzeptablen Rahmen. Ich komme aus der Comicszene, und da kommt es ganz oft vor, dass ein Projekt mit großen Hoffnungen und Ambitionen gestartet wird. Und das ist dann auch ganz toll, aber es soll eine 10-bändige Geschichte werden. Und nach Heft 1, welches vielleicht 30 Seiten hat, dauert es dann zwei Jahre, bis das nächste Heftchen erscheint. Und irgendwann interessiert einen das nicht mehr, egal wie gut und sympathisch es ist. Dann ist einfach die Luft raus aufgrund der langen Abstände … auch beim Leser. Das möchte ich auf jeden Fall vermeiden. Mit dem Geld können wir zügig die nächsten Kapitel umsetzen. Ein eingespieltes Team sind wir ja jetzt.

Für die Unterstützer haben wir uns eine Menge ausgedacht. Der besondere Reiz liegt darin, dass wir uns Sachen rund um das Projekt ausdenken konnten. Von Bandshirts bis zu Sprühdosen von “The Colour out of Space“. Meine persönlichen Lieblinge sind die Siebdrucke, die ich im Keller meines Ateliers von Hand drucke. Die Motive sind sehr anspruchsvoll und haben mich zu Beginn fast in den Wahnsinn getrieben. Das sind die Momente, wo einem die Kollegen tröstend die Hand auf die Schulter legen und einem raten, das doch etwas schlichter anzulegen und ich dann sage: Nein, ich will das so! Ich weiß, dass das geht! Und so ist es dann auch geworden.

Dann haben wir ein paar speziellere Sachen drin, wie einen exklusiven Song der Band nach 3 Stichworten. Den bekommt man dann zugeschickt und niemand sonst. Oder es gibt ein Postkartentagebuch, wo ich dem Unterstützer einmal im Monat (bis zum Ende des Projektes) eine Postkarte zeichne und zusende, welche ihn über den Fortgang des Projektes unterrichtet.

Kannst du ein paar Worte zu deiner Zeichentechnik sagen?

Ich zeichne die Bilder mit der Hand. Mit Bleistift, Tusche, Kohle-Graphit-Stiften und Zahnbürste. Die einzelnen Zeichnungen sind ca. im A3-Format. Wenn ich die gescannt habe, bearbeite ich sie am Rechner noch nach. Licht, Kontraste, Farbanpassung. Die ersten Zeichnungen unterscheiden sich noch sehr vom Endergebnis. Mittlerweile arbeite ich aber so lange an einem Bild, dass ich dann am Rechner kaum noch etwas machen muss.

Wie würdest du das Film-Genre nennen? Ist es für dich überhaupt ein Film oder ist es eher ein Comic? Eine audio-visuelle Performance? Eine Bildershow? 

Ja, das ist immer etwas schwierig, da es ein Grenzgänger ist. Wir nennen es Bildershow, oder genauer: A Dark Drone Comic Picture Show in Slow. Wenn wir es dann mal live aufführen, denken wir uns eine neue Bezeichnung aus.

Sind für die Zukunft schon weitere Projekte geplant?

Ich habe mehr Ideen als Lebenszeit. Aber jetzt mache ich erstmal das zu Ende.

H. P. Lovecraft’s “The Colour Out of Space” – A Dark Doom Drone Picture Show in Slow

© Andreas Hartung

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Links:

The Colour Out Of Space – Chapter 1 bei YouTube
The Colour Out Of Space – Offizielle Website
The Colour Out Of Space – Crowdfunding-Kampagne
The Colour Out Of Space – Soundtrack bei Bandcamp

Social Media:

The Colour Out Of Space – Facebook
The Colour Out Of Space- Instagram
The Colour Out Of Space – Tumblr

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Anmerkung für die Disclaimer-Fetischisten: “H. P. Lovecraft’s ‘The Colour Out of Space’ – A Dark Doom Drone Picture Show in Slow” ist ein Projekt von meinen geschätzten Freunden und Kollegen Andreas, Daniel und David. Und ja, ich mache hier schamlos Werbung für die Jungs, weil ich ihnen 1. eine LKW-Ladung Glück und Erfolg für dieses Projekt wünsche und 2. das, was ich hier darüber schreibe, tatsächlich ernst meine. Es ist ein außergewöhnliches, großartiges Projekt, das alle Unterstützung verdient hat. Also, wenn ihr es auch mögt: redet drüber oder supportet die Crowdfunding-Kampagne. Thänx. Over and out.

Marvin Mügge

Marvin Mügge

Weltraumpräsident at Weltenschummler
Gonzo-Journalist. Hat als Einziger das Ende von Lost verstanden und eine hohe Trash-Toleranzgrenze. Serienaddict, Kinogänger, Medienkritiker, GIF-Sammler und gescheiterter Physiker. Gründer von Weltenschummler.
Marvin Mügge

@mueggemarvin

Freelance Journalist // Blog https://t.co/DUpcz185Ji // An den Social-Media-Tasten @BILDamSONNTAG // Movie Guy @turnon
RT @DrWaumiau: Frühling: Ich hab die höchste Niederschlagsmenge pro Jahr. Herbst: NEIN ICH! Winter: Habt ihr 's bald? Sommer: Halt mal e… - 20 Stunden ago
Marvin Mügge