“Ten headed Beast”: Interview zum neuen Video von Hundreds

Hundreds – Ten headed Beast – (c) Hundreds

Hundreds – Ten headed Beast – (c) Hundreds

Weltkriegsbomben im Wendland, brennende Regenschirme und psychologische Symbolik: Die Hamburger Edelpop-Band Hundreds hat gemeinsam mit Regie-Tausendsassa Michael Klich ein gespenstisch schönes Video zu ihrer Single “Ten headed Beast” produziert. Ein Interview.

Hundreds gehören zu den spannendsten und vielversprechendsten deutschen Bands der Stunde. Das Geschwisterpaar Eva und Philipp Milner mischt Songwriter-Pop mit psychedelischen Elektronika. Mit ihrem zweiten Album “Aftermath” haben sie den Geheimtipp-Status hinter sich gelassen und machen als eine von ganz wenigen deutschen Bands auch international auf sich aufmerksam. Ihre düster-poppigen, edel elektronisch ausproduzierten Lieder sind genau das Richtige für melancholische Herbstabende bei Kerzenschein.


Hundreds — Ten Headed Beast – MyVideo

Wir haben mit mit Sängerin Eva Milner über die Bedeutung der kryptischen Bilder im Video, die Krise der Musikindustrie und über den Schlager-Verdacht gesprochen.

Hundreds – Eva & Philipp Milner – (c) Jean Ferry

Hundreds – Eva & Philipp Milner – (c) Jean Ferry

WS: Die Natur in eurem neuen Video sieht wunderschön aus. Wo habt ihr gedreht?

EM: Bei uns im Wendland. Wir wohnen seit Kurzem in der Nähe von Lüchow auf einem alten Bauernhof. Es ist extrem schön hier. Regisseur Michael Klich kam für ein paar Tage mit einem kleinen Team vorbei, und ich hatte mir einige Locations überlegt. Für mich war das eine richtige Entdeckungsreise. Die Heidelandschaft im Video war auch neu für mich. Mir wurde nur gesagt, dass es da total surreal ist. Ich bin dann mit Michael einen halben Nachmittag mögliche Drehorte abgefahren, und wir hatten richtig Glück mit dem Licht, das war total schön.

WS: Für das Video habt ihr zum ersten Mal mit Regisseur Michael Klich zusammengearbeitet. Wie ist das Videokonzept entstanden – kamen die Ideen von euch, von ihm oder habt ihr zusammen dran gefeilt?

EM: Micha hat uns Anfang des Sommers auf Facebook angeschrieben. Er hat ja schon ein paar Musikvideos gedreht, aber noch für kleinere Bands. Er erzählte, er habe unser Album sehr viel gehört und habe viele Bilder dazu im Kopf und wollte wissen, ob wir uns vorstellen könnten, zusammen mit ihm ein Video zu machen. Zufällig waren wir gerade auf der Suche nach einem Regisseur für die “Ten headed Beast”-Single. Ich habe mir seine alten Arbeiten angeschaut und fand sie gut. Dann habe ich ihm den Text geschickt und ihm einiges zu den Bildern erzählt, die ich zu dem Song im Kopf habe. Er war gerade drei Wochen im Urlaub und kam danach mit einem fertigen Treatment um die Ecke.

Unsere erste Reaktion war: “Huh, das ist ganz schön aufwändig, was du dir da überlegt hast, gerade mit den Animationen. Wir wissen jetzt nicht, ob wir das stemmen können, auch budget-mäßig.” Er meinte: “Macht euch darüber keine Sorgen, ich habe da total Bock drauf, und wenn wir die Hälfte meiner Ideen verwirklichen, bin ich total glücklich.”

Er war aber auch sehr offen in der Zusammenarbeit. Philipp und ich durften zu allem etwas sagen, das war ein ganz schönes Miteinander. Micha ist es sehr wichtig, uns als Künstler ernstzunehmen. Manche Regisseure drücken einem da einfach was auf oder sind am Ende beleidigt, wenn ihre Visionen nicht eins zu eins umgesetzt wurden. Da war das Arbeiten mit Micha im Kontrast super angenehm.

WS: Apropos Budgets: Alle reden nach wie vor von der Krise der Musikindustrie. Bekommt ihr das mit? Für eine deutsche Band wirkt eure Musik sehr opulent produziert, und aufwändigere Drehs scheinen bei euch ja auch im Budget zu liegen. Alles halb so wild?

EM: Wir stemmen das alles mit kleinen Budgets. Die Außenwirkung von Musik ist immer was ganz Anderes als die Realität dahinter. Ich arbeite 24/7 für die Band und verdiene quasi noch nichts daran. Ich kann davon leben, aber es ist nicht viel. Das ist natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass wir eine sehr aufwändige Produktion auf Tour haben und noch dazu versuchen, alle unsere Leute gut zu bezahlen. Aber ich will auch nicht jammern, denn ich wusste natürlich vorher, dass es nicht einfach wird, weil die Musikindustrie in einer Krise steckt. Ich hätte mir ja auch einen anderen Job suchen können. [lacht]

WS: “My truth is a ten headed beast” – was bedeutet das für dich?

EM: Das Bild kommt aus der klassischen Mythologie: Die Hydra – das Biest mit den vielen Köpfen. In “Ten headed Beast” steht dieses Bild für die vielen widerstreitenden Perspektiven und Gefühle in mir. Wenn du eine wichtige Entscheidung triffst, versuchst du im Nachhinein häufig, herauszufinden, ob das wirklich der richtige Weg war. Die Frage: “Was wäre passiert, wenn ich mich anders entschieden hätte?” treibt mich dann häufig sehr um. Man hat ja sehr verschiedene Persönlichkeitsanteile. Und manchmal hat man das Gefühl: “Das war jetzt der falsche Weg.” Aber ein paar Stunden oder Tage später denkst du dir: “Nee, war doch richtig.” Wenn mir jemand von seinen Lebensentscheidungen erzählt, denke ich immer sehr stark mit, was passiert wäre, wenn ich das gleiche gemacht hätte. Wenn jemand ganz stark hinter dem steht, was er tut, beeindruckt mich das sehr. Ich neige eher dazu, meine eigenen Entscheidungen immer wieder in Frage zu stellen. Manchmal ist das sehr anstrengend, und dieses zehnköpfige Biest ist oft nicht leicht zum Schweigen zu bringen. Daher kommt auch die Idee im Video, dass ich in Überblendungen häufig mehrfach zu sehen bin – als verschiedene Versionen meiner selbst, die sich unterschiedlich verhalten und immer nur kurz wieder zusammenfinden.

Eine Zeit lang war ich unheimlich unsicher, was meine eigenen Entscheidungen anging. Konkret habe ich am Anfang sehr damit gekämpft, mich als Künstlerin, als Musikerin zu sehen. Ich finde, man muss sich total davon befreien, die Lebensentwürfe anderer Menschen als implizite Bedrohung für das eigene Lebenskonzept wahrzunehmen. Ich finde es sehr deutsch in einem negativen Sinne, dass zum Beispiel auf Partys immer die erste Frage ist: “Und was machst du so?” Auf der anderen Seite kann es auch was Befreiendes haben, sich in die Haut anderer Menschen reinzudenken. Dafür steht die Textzeile “Here I go like a boy out of sight”. Da hatte ich so ein fünfjähriges Kind im Kopf, das mit nacktem Hintern über den nächsten Hügel rennt und seine Eltern stehen lässt.

WS: Viele deutsche Bands singen auf Deutsch. Wieso habt ihr euch dagegen entschieden?

EM: Ich schreibe auch viel auf Deutsch. Früher habe ich viele Kurzgeschichten und Gedichte auf Deutsch geschrieben. Ich höre auch viele deutsche Bands und finde es großartig, wenn man das beherrscht. Aber ich selber könnte mich mit meinen Texten nicht auf die Bühne stellen, wenn sie auf Deutsch wären, weil sie extrem nah an mir dran sind. Ich hätte dann so ein blumfeld-artiges Gefühl. Bei denen ist ja auch alles sehr persönlich – manchmal fast ein bisschen schmerzhaft, dass man beim Hören denkt: “Huh, willst du das jetzt wirklich preisgeben?”

Außerdem hat Englisch für mich sowas Erfrischendes und Klares. Ich kann damit besser spielen – vielleicht auch, weil ich die ganzen Feinheiten dahinter nicht so verstehe und eher mal was raushaue, was ich auf Deutsch nie sagen würde. Deswegen war das für mich der bessere Weg. Ich mag aber auch einfach den Klang gerne.

WS: Auf Englisch zu singen ist also für dich fast sowas wie ein Blendwerk? Ich habe das Gefühl, das bei der Musik und den Bildern, die ihr verwendet, sehr viel Ästhetisches passiert, hinter dem du dich sehr angenehm verstecken kannst, sodass man erst beim sehr aufmerksamen Hinhören wirklich versteht, worum es geht.

EM: Ja, genau so ist es. Es ist tatsächlich auch ein Schutz für mich auf der Bühne. Ich könnte mich auf Deutsch nicht hinstellen und sagen: “Wir werden alle sterben”. Das singe ich auf Englisch in einem Lied, auf Deutsch wäre mir das zu krass.

Hundreds – Ten Headed Beast – (c) Jean Ferry

Hundreds – Ten Headed Beast – (c) Jean Ferry

WS: Zum Thema “Wir werden alle sterben”: Bomben, Seeminen, U-Boote – das Video kombiniert wunderschöne Natur und Architektur mit starken Symbolen für Krieg und Zerstörung. Am Ende explodiert sogar eine Atombombe. Woher kommt diese Düsternis?

EM: Düsternis ist bei uns immer mit dabei. Ich finde es immer sehr schwierig, die auszudrücken, ohne gleich in die Gothic-Sparte abzurutschen. Meiner Meinung nach ist da im Video ein guter Weg gefunden worden, denn diese Unterwasserminen sind ja jetzt kein gängiges Bild. Man muss das so verstehen: Das komplette Video ist quasi meine Innenwelt. Es gibt diese eine “moderierende” Eva, die am Tisch sitzt, und ansonsten ist alles, was im Video zu sehen ist, mein Innenleben. Bei mir gehören ganz klar auch Bomben und Explosionen dazu.

WS: Das sind also eher subjektive Symbole, als dass es um deutsche Geschichte ginge? Es wäre ja auch eine naheliegende Interpretation, dass ihr etwas über Deutschland sagen wollt: Man sieht eine idyllische, typisch deutsche Landschaft, und da tauchen dann gespenstische Weltkriegswaffen auf.

EM: Da hast du Recht, die Interpretation legt sich nahe. Wir haben im Vorfeld auch darüber gesprochen, ob man uns da eine politische Botschaft unterstellen kann. Das möchten wir eigentlich nicht. Aber in dem Lied ist das nicht angelegt, und so meinen wir das auch nicht. Wir fanden es aber auch nicht schlimm, dass diese Sichtweise anklingt, denn Kunst macht mehr Spaß, wenn sie uneindeutig ist.

WS: Die Einstellung, in der ihr vor der Villa steht, wirkt wie ein psychologisches Familienportrait: Der Mann rastet aus, das Kind wird von einer bedrohlichen Figur geraubt, und du als Frau stehst trotz brennendem Regenschirm stoisch daneben. Geht es auch um Familie in dem Song und dem Video? Philipp und du seid ja auch Geschwister.

EM: Nein, darum geht es nicht. Auch diese Figuren sind verschiedene Persönlichkeitsanteile in mir. Leicht schizophren, ich bin jede dieser Personen. [lacht] Aber am meisten erkenne ich mich in der Szene wieder, in der ich vor den Bomben die Arme ausbreite.

WS: Im Video stehst du enstspannt mit einem brennenden Regenschirm herum. Musstest du wirklich einen brennenden Schirm halten, oder ist das CGI?

EM: Ich sag nur: Es hat tatsächlich ein Regenschirm gebrannt. Wenn du das Video ganz bis zum Ende anschaust, siehst du, wie diese Szene entstanden ist.

WS: Beim ersten Ansehen des Videos haben mich die ersten vier Sekunden gleich erschrocken: Diese Dur-Piano-Linie mit einem Four-to-the-floor-Beat, und dazu dieses instagram-artige Wolken-Bild mit Lensflare – ich dachte: “Oh Gott, Schlageralarm!”

EM: [lacht sich scheckig]

WS: Aber dann kippt erst die Musik ins Interessante, Gebrochene, und surreale Bilder von Koffern, die im Baum hängen und in Zeitlupe fallenden Bomben brechen die Süßlichkeit auf. Flirtet ihr bewusst mit Schlager und Kitsch?

EM: Hast du modernen Schlager mal gehört? Hör dir mal Helene Fischer an: Das ist 90er Techno! Aber klar, Kitsch ist immer was Interessantes, damit spielen wir schon gerne. Bei dem Himmel hatte ich aber eher so ein “True Detective”-Gefühl – dieses Südstaaten-Licht, das so hell ist, dass es fast unangenehm ist. Also nee: Schlager – auf keinen Fall!

WS: Was würdest du sagen: Seid ihr eine Pop-Band?

EM: Ja, definitiv. Ich finde, ein richtig gut produzierter Popsong, der gut geschrieben ist und von mir aus auch in den Charts rauf und runter gespielt wird, das ist eine totale Kunst. Es ist so schwierig, so einen Hit zu bauen – ich könnte das auch gar nicht. Uns würde ich insofern als Pop bezeichnen, als wir diese klassische Strophe-Refrain-Struktur haben. Das sind Popsongs. Besonders, wenn du sie auf Klavier und Stimme runterbrichst – so, wie wir die Grundsongs auch schreiben. Klar, die meisten unserer Sachen sind zu moll-lastig, als dass sie viel im Radio gespielt würden. Aber wir sind schon Pop.

WS: Wie sehen eure Zukunftspläne aus? Arbeitet ihr direkt am nächsten Album, oder gönnt ihr euch mal ne Pause?

EM: Nein, wir machen keine Pause, aber erstmal wird jetzt noch getourt. Ab dem 10. Dezember geht die zweite Hälfte unserer “Aftermath”-Tour in der Schweiz und in Deutschland los. Nächstes Jahr im Februar folgt dann eine Akustik-Tour, auf der wir die Songs so pur spielen, wie wir sie ursprünglich komponiert haben. 2015 stehen auch England und Frankreich an. Wir machen einen Austausch mit “Wooden Arms” – eine tolle Band. Die sind unsere Vorband auf der kommenden Tour, und dafür nehmen sie uns nächstes Jahr wiederum als Support nach England mit. Deshalb fangen wir ab Februar mit dem neuen Album an, aber es wird wohl schon bis Anfang 2016 dauern, bis es fertig ist.


Hundreds Tourdaten:
10.12.2014 – DE-Jena, Kassablanca
11.12.2014 – DE-Heidelberg, Karlstorbahnhof
12.12.2014 – CH-Zuerich, Komplex Klub
14.12.2014 – DE-Potsdam, Waschhaus
15.12.2014 – DE-Wiesbaden, Schlachthof
16.12.2014 – DE-Wuerzburg, Posthalle
17.12.2014 – DE-Leipzig, Taeubchenthal
18.12.2014 – DE-Essen, Zeche Karl
19.12.2014 – DE-Muenster, Sputnikhalle
21.12.2014 – DE-Stuttgart, Wagenhallen
22.12.2014 – DE-Munich, Ampere
29.12.2014 – DE-Hamburg, Gruenspan
04.02.2015 – DE-Konstanz, Kulturladen
05.02.2015 – DE-Freiburg, Schmitz Katze
06.02.2015 – CH-Luzern, Schüür
07.02.2015 – DE-Ulm, Roxy
08.02.2015 – DE-Trier, Kasino am Kornmarkt
13.02.2015 – DE-Rostock, Heiligen-Geist-Kirche
14.02.2015 – DE-Kassel, Schlachthof
16.02.2015 – A-Wien, Stadtsaal
17.02.2015 – DE-Nürnberg, Neues Museum
18.02.2015 – DE-Dresden, Schauburg
05.03.2015 – DE-Loerrach, Between The Beats Festival

Tourtrailer

Homepage von Hundreds

Homepage von Regisseur Michael Klich

Hundreds – Aftermath auf Spotify

Daniel

Daniel

The Other Guy at Weltenschummler
Schreiberling mit halbwegs kontrollierter Tastatur-Tourette. Concerned but powerless. Musiker, Teilzeithippie und Linksträger. Kann sich nicht an das Ende von “Fear and Loathing in Las Vegas” erinnern. Ehemaliger Copilot von Weltenschummler.
Daniel