“Cobain – Montage of Heck” Review: trügerische Nähe

Cobain - Montage of Heck

Brett Morgens Kurt Cobain-Doku “Montage of Heck” wird mit zwei großen Versprechen beworben. Eins davon hält der Film – das andere nicht.

Filmverleihe werben ja gerne mit euphorischen Pressezitaten. Im Fall der Kurt Cobain-Doku “Montage of Heck” prangen auf dem Presseheft folgende markige Worte:

“The most intimate rock doc ever” – Rolling Stone

“The definite Cobain documentary. There is nowhere else to go from here.” – Consequece of Sound

Beide Aussagen finden sich auch ziemlich direkt in dem Interview mit Regisseur Brett Morgen wieder, das in der Kinoversion als Bonusmaterial gezeigt wird. Intim und endgültig – das ist der Anspruch, den Morgen an seinen Film stellt. Und ehrlich gesagt klopft er sich im Interview auch ganz schön selbst auf die Schulter, weil er der Meinung ist, beides sei ihm gelungen. Ich habe da eher eine 50%-Trefferquote gesehen.

Kurt Cobain - Image Credit: Arts Alliance

Kurt Cobain – Image Credit: Arts Alliance

Ja: “Montage of Heck” ist so intim, dass es wehtut

Das mit der Intimität stimmt zweifellos. “Montage of Heck” besteht einerseits aus klassisch dokumentarischen Elementen:  private Super 8-Aufnahmen der Familie(n) Cobain, Konzertmitschnitte, Zeitungsartikel, TV-Beiträge und Interviews stecken den chronologischen und erzählerischen Rahmen ab. Doch da die Familie Cobain Morgen erstmals vollen Zugang zu Cobains Nachlass gewährt hat, ist der Film zudem vollgepackt mit dem rohen, schmutzigen künstlerischen Output des Nirvana-Frontmannes.

Kurt Cobain als Teenager - Image Credit: Arts Alliance

Kurt Cobain als Teenager – Image Credit: Arts Alliance

Allein die über hundert Audiokassetten mit Songskizzen, gesprochenen Texten und Klangcollagen – eine davon trug den Namensgebenden Titel “Montage of Heck” – die Morgen zur Verfügung standen, boten eine ungeheure Fundgrube an authentischem Klangmaterial aus den verschiedenen Lebensphasen Cobains, die im Film ausgiebig genutzt werden und viel zur rohen und unmittelbaren Atmosphäre von “Montage of Heck” beitragen. Gemälde und Skulpturen aus der ruhelosen Hand Cobains gehörten ebenso dazu wie die berühmten Notizbücher mit Zeichnungen, Kritzeleien, Einkaufslisten, Liedtexten, To-Do-Listen usw. Dieses Material gewährt einen intensiven Einblick in die ungeheure, manisch flackernde kreative Energie Cobains und trägt durch seine rohe Unmittelbarkeit viel zur besagten Intimität des Films bei.

Kurt Cobain als Kind - Image Credit: Arts Alliance

Kurt Cobain als Kind – Image Credit: Arts Alliance

Morgen beweist Mut und Kreativität, indem er diese Fundstücke nicht im kalten Licht einer klassisch-biederen Doku ausstellt und kontextualisiert, sondern sie wiederum künstlerisch zu einer filmisch gedachten, eindrucksvollen audiovisuellen Collage verarbeitet. Der Animationskünstler Hisko Hulsing steuerte Trickfilmszenen bei, die die Cobain-Tapes und erzählte biografische Episoden mit ästhetischen, deprimierenden Bildern unterlegen. Auch die Gemälde und Kritzeleien Cobains werden für die Leinwand zum Leben erweckt: Flatternde, blutdurstige Fledermausskizzen fallen über Strichmännchen her, Cobains Handschrift windet sich und wirft Schatten, Fotos erwachen durch perspektivische Verschiebungen zum Leben. Das mag manchem zu kitschig oder effekthascherisch sein, aber es führt dazu, dass die übliche Doku-Distanz völlig wegfält. “Montage of Heck” ist kein schlichter Dokumentarfilm, sondern eben das, was der Titel besagt: Eine Collage aus der Hölle.

Kurt Cobain - Animation Still - Image Credit: Arts Alliance

Kurt Cobain – Animation Still – Image Credit: Arts Alliance

Auch die Entscheidung, bei den Interviewpartnern auf Klasse statt Masse zu setzen, führt zu einem sehr nahen, vielseitigen Bild Cobains. Morgen unterhielt sich nur mit den fünf engsten Wegbegleitern Cobains: seiner Mutter, seinem Vater, seiner ersten Freundin Tracy Marander, Courtney Love und Nirvana-Bassist Krist Novoselic. So entstehen verschiedene, jeweils sehr persönliche Perspektiven auf Cobain – und es wird nicht einfach wieder die tausendmal wiederholte Geschichte vom “Sprachrohr der Generation X” erzählt.

Courtney Love - Image Credit: Arts Alliance

Courtney Love – Image Credit: Arts Alliance

Das Ergebnis ist ein sehr persönlicher, subjektiver und teils schwer zu ertragender Trip. Wir begleiten Kurt Cobain durch seine kleinbürgerlich geprägte Kindheit in Aberdeen, seine durch die Trennung der Eltern und verbitterte Rebellion gegen alle Autoritäten gekennzeichnete Jugend, seinen Ausbruch in die Punk-Szene von Seattle und den urplötzlichen Durchbruch mit “Nevermind”. Wir sind dank Courtney Loves unverblümter Erzählweise und intimer Privataufnahmen aus dem Privatleben des (Eltern-)Paares Cobain unerträglich nah an Cobains Heroinmissbrauch, seinen Schmerzen und seinem verzweifelten Versuch, eine normale Familie zu gründen. Und wir erleben einen Kurt Cobain, der nicht nur hochbegabt und hyperkreativ, sondern auch ein Kontrollfreak, Perfektionist und instabiler Soziopath ist. Die Intimität, die “Montage of Heck” erreicht, ist berauschend, aggressiv, verzweifelt und intensiv. Eine solche Rock-Doku habe ich tatsächlich noch nicht gesehen.

Aber:

Nein: Das ist nicht der “definitive Kurt Cobain”

Die Nähe, die Morgen bei seinen intensiven Recherchen zu Kurt Cobain hergestellt hat, ist gleichzeitig Segen und Fluch des Films. Im Interview macht er die verstörende Aussage, dass er sich seit Jahren keinem seiner Freunde so nah gefühlt habe wie Kurt Cobain (den er übrigens konsequen “Kurt” nennt) während seiner Recherchen. Morgen behauptet, durch seine intensive Beschäftigung mit den Hinterlassenschaften des Grungers ein eindeutiges Gefühl dafür bekommen zu haben, wer dieser Kurt Donald Cobain im Kern war.

Das ist vermessen. Eine Collage sollte eine Collage bleiben und sich nicht zu einem runden Gesamtbild ohne Bruch- und Leerstellen zusammenfügen – sonst stimmt irgendwas nicht. Das Bild von Cobain, das Morgen in “Montage of Heck” zeichnet, ist das eines sensiblen, liebesbedürftigen und missverstandenen Hochbegabten, der zeitlebens zwischen Anerkennungssucht und wütend-enttäuschter Fuck-You-Mentalität hin- und herschlingerte. Ich halte das für eine spannende und wertvolle Perspektive auf Cobain und seine Kunst. Aber muss das gleich zum alles erklärenden, ultimativen Master-Narrativ aufgeblasen werden?

Kurt Cobain family picture- Image Credit: Arts Alliance

Kurt Cobain family picture- Image Credit: Arts Alliance

Besonders problematisch wird die Sache dadurch, dass im gezeigten Material auch deutlich wird, in welchem Maße jede einzelne Äußerung Cobains auch eine Selbstinszenierung war. Authentisches, unveröffentlichtes Material hin oder her, ich glaube, dass es kein einziges Bruchstück in dieser Collage gibt, das Cobain nicht auch als Bühne zur Selbstdarstellung genutzt hat – und sei es nur für sich selbst und ohne ein späteres Publikum mitzudenken. Verheerend für Cobain scheint vor allem gewesen zu sein, dass er sich dieser permanenten Profilierung und Verstellung durchaus bewusst war. Doch statt die Maske abzunehmen, setzte er sich die Maske des harten, abgefuckten Typen auf, der sich nicht um die Meinung der anderen schert – und dadurch Coolness neu definiert. Ein Teufelskreis, der das Entdecken eines “definitiven Kurt Cobain” vermutlich auch für ihn selbst unmöglich gemacht hat. Die einzigen wirklich nackten Momente, die es in “Montage of Heck” zu sehen gibt, sind die Privataufnahmen von Cobain, auf denen er einfach nicht mehr kann.

Ich will nicht behaupten, dass meine These besser oder wahrer ist als die von Morgen. Ich glaube einfach, dass eine so moderne, bewusst subjektiv und künstlerisch inszenierte Doku auch darauf verzichten sollte, “Die Wahrheit” über einen Toten finden und in Stein meißeln zu wollen. Die gibt es einfach nicht, und das zuzulassen wäre ein weiterer Schritt hin zu einer zeitgemäßen Popkultur-Doku gewesen. Wenn Morgan seinem Publikum mehr zugetraut hätte bzw. sich der objektiven Wahrheit seines Gefühls zu Cobains Wesenskern nicht so sicher gewesen wäre, hätte er uns diese schillernde, aufregende Trümmersammlung einfach präsentiert und es jedem selbst überlassen, ein Bild daraus zusammenzufügen.

Fazit

“Montage of Heck” ist in ihren Einzelteilen eine fast revolutionäre Doku, die die Grenzen zwischen sachlichem Biopic und Kunstfilm virtuos vermischt. Leider konnte Morgen der Versuchung nicht widerstehen, im großen Bogen dann doch lehrmeisterlich den Zeigestock auszupacken und uns seine Interpretation der Person Kurt Cobain vorzukauen. Leute, traut dem Publikum doch was zu! Wir wollen keinen vorgekauten Kanon-Brei, wir wollen was zum Beißen!

Der Film bleibt trotzdem dank seiner Intensität und Innovativität ein großer Wurf und ein Must-See für jeden, der sich auch nur entfernt für Cobain, Nirvana oder Grunge interessiert.

Daniel

Daniel

The Other Guy at Weltenschummler
Schreiberling mit halbwegs kontrollierter Tastatur-Tourette. Concerned but powerless. Musiker, Teilzeithippie und Linksträger. Kann sich nicht an das Ende von “Fear and Loathing in Las Vegas” erinnern. Ehemaliger Copilot von Weltenschummler.
Daniel