Review: The Grey – Unter Wölfen

The Grey: Liam Neeson legt sich mit Gott und dem Schicksal an

“Once more into the fray / Into the last good fight I’ll ever know / Live and die on this day / Live and die on this day.” Dieses kurze, fast unscheinbare Gedicht hat es in sich, denn der raubeinige, aber gütige Wolfsjäger John Ottway (fabelhaft dargestellt von Liam Neeson) baut in “The Grey” sein ganzes Filmleben auf diesen vier Zeilen auf und ist trotz der widrigsten Umstände keineswegs gewillt, kampflos aufzugeben.

 Von der Wildnis in das graue Fegefeuer

John Ottway ist ein bezahlter Killer, wie er selbst sagt, ein bezahlter Killer für eine Ölgesellschaft, die ihre Arbeiter in den kalten, arktischen Norden des amerikanischen Kontinents schickt. Die Menschen dort sind immer wieder Wolfsangriffen ausgesetzt und Ottways Job ist es, die Arbeiter zu beschützen. Als die Crew routinemäßig abgelöst werden soll, stürzt das Flugzeug auf dem Heimweg mit der kompletten Mannschaft in der Wildnis ab. Doch nicht nur die Kälte macht den sieben überlebenden Männern zu schaffen – sie sind mitten im Jagdrevier eines gefährlichen Wolfsrudels gelandet.

 “Zeig’ mir mal was wirkliches.”

Was zunächst wie ein billiger Horror-Plot klingt, entpuppt sich tatsächlich zu einer wirklich gr0ßen Geschichte. “The Grey” erzählt über den Tod und das Leben, über Gott, Angst, Mut und Schicksal. Und darüber, trotz einer nihilistischen Umwelt niemals aufzugeben. Kurz nach dem Absturz kümmert Ottway sich um die Verletzten und als er einen in den letzten Zügen liegenden Kollegen findet, dessen Gedärme quer in den Trümmern verteilt sind, sagt er zu ihm: “Du wirst jetzt sterben. Das passiert jetzt mit dir.” Diese gnadenlose Ehrlichkeit ist so direkt, dass sie in dieser ausweglosen Situation mit ungewisser Zukunft auf unheimliche Weise Trost spendet . Als Ottway in den arktischen Wäldern verzweifelt den Himmel anschreit und Gott höchstpersönlich anruft, er solle es sich verdienen, dass er an ihn glaube, wird einem die volle, existenzielle Härte des Wolfsjägers klar, der mit der Zeit selbst zu einem unerbittlichen Predator mutiert. “Zeig’ mir mal was wirkliches!”, schreit er den gleichgültigen Gott seiner kalten Welt an. Ich habe selten einen Film gesehen, der diese Thematik derart treffend und fesselnd darstellt.

Handwerklich sehr gut gemacht

Einen gar nicht hoch genug einzuschätzenden Beitrag zu der atmosphärischen Dichte von “The Grey” liefert neben der Regie von Joe Carnahan auch die geniale Kameraführung von Masanobu Takayanagi. Der Zuschauer wird durch die entfesselte Kamera mit brachialer Wucht mitten in die Handlung katapultiert und kann sich dem Geschehen kaum entziehen.

Die Figuren in “The Grey” sind akzentuiert und klar entwickelt und so haben die Dialoge auch den entsprechenden Pepp. Immer wieder gerät Neeson alias Ottway mit dem Großmaul und Angeber Diaz (Frank Grillo) aneinander. Der Konflikt zwischen den beiden bietet immer wieder interessante Reibungspunkte, die geschickt für den Fortlauf der Handlung genutzt werden.

Fazit

“The Grey” ist ein mehr als nur empfehlenswerter Film. Er ist meiner Meinung nach ein absolutes Must-See. Auch wenn die Thematik sicherlich eher Männer anspricht (einsamer Kämpfer gegen den Rest der Welt), kann die geneigte und offene Frau dem Film sicher ebenfalls einiges abgewinnen. Spannung und Action bietet er allemal und wer auf den ganzen philosophischen Kontext keine Lust hat, kann sich auch so gut unterhalten fühlen. Wer sich dagegen auf die spannenden Fragen einläßt, die “The Grey” aufwirft, findet nicht nur einen sehr guten Film, sondern einen inspirierenden Entwurf einer bis zur letzten Konsequenz gelebten Lebenseinstellung.

The Grey ist seit dem 21.09.2012 auf Blu-ray, DVD und Video on Demand erhältlich.

THE GREY – UNTER WÖLFEN, USA 2012, 117 Minuten – Regie: Joe Carnahan. Buch: Joe Carnahan, Ian Mackenzie Jeffers. Kamera: Masanobu Takayanagi. Mit: Liam Neeson, Frank Grillo, Dermot Mulroney u. a.

Marvin Mügge

Marvin Mügge

Weltraumpräsident at Weltenschummler
Gonzo-Journalist. Hat als Einziger das Ende von Lost verstanden und eine hohe Trash-Toleranzgrenze. Serienaddict, Kinogänger, Medienkritiker, GIF-Sammler und gescheiterter Physiker. Gründer von Weltenschummler.
Marvin Mügge
- 1 Monat ago
Marvin Mügge